Loy Krathong - Ein
Schiffchen für die Wassergeister
In der November Vollmondnacht verwandelt sich Thailand in ein einzigartiges
Lichtermeer
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In der November
Vollmondnacht verwandelt sich Thailand in ein einzigartiges Lichtermeer
Es ist die erste Vollmondnacht nach der Regenzeit und was sich hier in diesen
Stunden abspielt, scheint nicht von dieser Welt: Wie aus einem Maerchenbuch
entsprungen tauchen immer mehr prinzessinnengleiche Schoenheiten in knoechelangen,
glamouroesen Festgewaendern aus der Dunkelheit auf. Anmutig und in stiller Andacht
knien sie auf dem Holzsteg nieder, bevor sie ihre "Krathongs" behutsam auf das
Wasser setzen und mit einem sanften Stoss davonschieben. Beladen mit kleinen
Opfergaben treiben die aus Bananenblaettern und Blumen gebastelten Schiffchen den
anderen entgegen, die sich weiter draussen bereits zu einer gewaltigen Armada
vereinigt haben. Das Flackern der aufgesteckten Kerzen verzaubert den See in ein
einzigartiges Lichtermeer - ueberlagert vom suesslichen Duft glimmender
Raeucherstaebchen. Tatsaechlich ist dieses paradiesische Spektakel eigentlich für
eine ganz andere Welt gedacht: es soll den Goettern und Geistern des Wassers
huldigen.
Nach jahrhundertealter Tradition muessen sie einmal im Jahr mit einem grossen
Fest geehrt und fuer das, was der Mensch den Gewaessern taeglich antut, um
Verzeihung gebeten werden. "Die Schiffchen sollen aber auch alle begangenen Suenden davontragen. Bei dieser Gelegenheit kann es natuerlich nicht schaden,
gleich um ein bisschen Glueck für die Zukunft zu bitten", erklaert Daranee, die
mit ihrer Freundin Kallayah an das Ufer gekommen ist und zwei besonders hübsche
"Krathongs" zu Wasser laesst. Die beiden Studentinnen aus Bangkok haben eine
anstrengende, naechtliche Busfahrt auf sich genommen, um diesen Tag in der
vertrauten Heimat verbringen zu koennen. Zwar verfuegt Thailand ueber eine
ausgesprochen stattliche Anzahl traditioneller Feierlichkeiten, aber das
Lichterfest "Loy Krathong" - indirekt uebersetzt heisst es in etwa: "Koerbchen
schwimmen lassen" - liegt den Einheimischen besonders am Herzen. Auch immer mehr
Touristen entdecken den Reiz dieses stimmungsvollen Festes, das das durch
Wirtschaftsboom, Sextourismus und Umweltzerstoerung verfremdete Image Thailands
durchaus wieder etwas zurechtzuruecken vermag.

Meist faellt "Loy
Krathong" in den Monat November. Das exakte Datum richtet sich jedoch nach dem
buddhistischen Kalender, dessen Zeitrechnung auf dem Mondzyklus basiert. So kann
es passieren, dass die Termine von einem auf das andere Jahr um bis zu 29 Tage
auseinanderliegen. In diesem Jahr findet das Lichterfest am 3. November statt -
und wird einmal mehr das Ende der Regenzeit markieren. Denn von alters her
liessen die Monsunschauer zwischen Juli und Oktober die Fluesse zu
schmutziggrauen, gewaltigen Stroemen anschwellen. Diese Zeit brachte zwar
fruchtbares Schwemmland, aber auch allerlei Verwuestungen mit sich. Erst wenn
sich die Lage wieder beruhigt hatte, konnten sich die Menschen wieder in Musse
irgendwelchen Zeremonien widmen
Dass die wichtigsten Feste des Landes - wie "Loy Krathong", aber zum Beispiel
auch das thailaendische Neujahrsfest "Songkran" im April - eng mit dem Wasser
verknuepft sind, hat seinen guten Grund. Denn für die Thais ist es nicht nur ein
lebenswichtiges, sondern auch ein ueberaus symboltraechtiges Element. Von der
Wiege bis zur Bahre stand das Wasser schon immer im Mittelpunkt ihres Lebens:
Zahlreiche Seen, Fluesse und Kanaele machen Thailand zu den fruchtbarsten
Reisanbaugebieten Asiens und liefern als zweites Grundnahrungsmittel zugleich
den Fisch. Darueberhinaus ist die Entdeckung, Besiedlung und Lebensweise des
Landes eng mit dem Hauptstrom Chao Phraya verbunden. Und frueher bewegte sich
ganz Bangkok ausschliesslich auf dem Wasser fort, fuehrten die Bewohner der Stadt
ein regelrechtes Amphibien-Dasein. So gesehen erscheint es mehr als notwendig,
den Maechten des Wassers - mutet man diesen doch zum Beispiel auch jeden Tag
seine Abfaelle und Abwaesser zu - einmal jaehrlich mit einem "Krathong", festlicher
Kleidung und froehlichem Beisammensein zu huldigen.
In seinen
Urspruengen ist "Loy Krathong" allerdings kein buddhistisches Fest, sondern eher
ein alter Brauch, der sowohl auf brahmanischen als auch animistischen
Einstellungen beruht. Neben den Wassergeistern soll damit vor allem die
Wassergoettin "Mae Khonghka" geehrt werden. Gern erzaehlt wird aber auch die
Geschichte einer Prinzessin, die ihrem Geliebten Abend für Abend kleine
Schiffchen mit brennenden Kerzen ueber den Fluss Chao Phraya geschickt haben
soll. Nach einer anderen Legende sind die Wurzeln des Lichterfestes im alten
Reich von Sukothai zu suchen. Es heisst, dass Nang Nobhama - eine Hofdame im
Palast von Reichsgruender Ramkhamhäng - die ersten Krathongs hat schwimmen
lassen. Der Koenig soll davon so sehr begeistert gewesen sein, dass er sie zur
Frau nahm und die Vollmondnacht des zwoelften Mondmonats vor rund 700 Jahren zum
buddhistischen Feiertag erklären liess.
Aus den einfachen Blaetterschiffchen der Anfangszeit sind heute wahre Kunstwerke
geworden. Schon am fruehen Morgen waren Daranee und Gallayah losgezogen, um die
richtigen Materialien zum Bau ihrer "Krathongs" zu besorgen. Daheim formten sie
dann die sorgsam ausgewaehlten Bananenblaetter zu einer Art Lotusbluete, indem sie
die Raender rundherum nach oben bogen und mit Bambussplittern rings an einer
kreisrunden Bananenbaum-Scheibe feststeckten. Vielerorts wirken sich allerdings
moderne Einfluesse auf die traditionelle Bauweise aus.
So erfreut sich beispielsweise das einfache Zusammenheften mit "Klammeraffen"
steigender Beliebtheit. Viel schlimmer aber ist, dass das schnelle Wachstum der
Staedte und die voranschreitende Kommerzialisierung mancherorts zur
Massenproduktion der rituellen Schiffchen gefuehrt haben. Diese werden unter
Verwendung von Fertigprodukten aus Styropor oder Plastik hergestellt und
belasten Thailands ohnehin nicht gerade schadstoffarmen Gewaesser über Monate
hinaus mit zusaetzlichem Muell. Auch die umweltfreundliche Idee, "Krahtongs" aus
Brotteig zu produzieren, scheiterte - zumindest bei fischarmen Gewaessern. Denn
beim Zersetzungsprozess entzogen sie dem Wasser zuviel Sauerstoff.
Reichere Mitbuerger
indes wollen sich gelegentlich durch Verzierungen mit Blattgold oder besonders grosse "Krathongs" von der Masse abheben - und irgendwo erscheint das ja
vielleicht auch ganz sinnvoll, denn mit diesen groesseren Schiffchen muessen
mitunter sicher auch schlimmere Suenden entsorgt werden. Daranee und Gallayah
begnuegten sich jedoch damit, das Innere ihrer "Krathongs" mit huebschen Blumen
auszuschmuecken, eine Kerze und drei Raeucherstaebchen hinzuzustecken sowie als
Opfergaben ein paar Reiskoerner und kleine Geldstuecke hineinzulegen. Denn die "Phiis"
(Geister) gelten nicht als anspruchsvoll, vielmehr ist es nach Auffassung der
Thais wichtig, ihnen voller Respekt, mit Freundlichkeit und Hoeflichkeit zu
begegnen. Als die beiden Maedchen fertig waren, besuchten sie ihre Nachbarn und
Freundinnen, um deren Bastelarbeiten zu bestaunen. Und bevor sie sich dann in
einer zweistuendigen Prozedur kunstvoll ihre schwarze Haarpracht drapieren liessen, gingen sie noch schnell in den nahegelegenen Tempel, um die Schiffchen
von einem Moench feierlich weihen zu lassen. Hier herrschte bereits tagsueber
Hochbetrieb.
Im legendaeren Sukothai, wo Feuerwerk, Konzert und Volkstanz dazugehoeren, wird "Loy
Krathong" besonders stimmungsvoll begangen. Die zahlreichen Wassergraeben
zwischen den Ruinen, Tempelanlagen und Buddha-Statuen bieten sich dafuer geradezu
an. Aehnliches gilt natuerlich auch fuer die zweite ehemalige Hauptstadt Ayutthaya
mit ihren ausgedehnten Wasserflaechen. Hier werden auf dem Chao Phraya
gleichzeitig die thailaendischen Langboot- Meisterschaften ausgetragen. In Chiang
Mai indes sind es die vier, jeweils 1,6 Kilometer langen Stadtgraeben, die die
historische Altstadt umschliessen und das Fest zu einem aussergewoehnlichen
Erlebnis werden lassen. Gleichzeitig findet das "Yi-Peng-Festival" statt, bei
dem Heissluftballons in den Himmel steigen und die begangenen Suenden auch in
diese Richtung entschwinden lassen. In Bangkok dagegen konzentriert sich das
Geschehen auf die langgestreckten Ufer des Chao Phraya, dessen Stroemung die Krathongs relativ schnell davontraegt, - aber auch auf die restlichen Klongs
(Kanaele), die sich noch in der Stadt finden.
Die groesseren Hotels pflegen ihre eigenen "Loy Krathong"- Feiern zu
veranstalten, die meist mit einem ueppigen Buefett und einem bunten
Begleitprogramm aus Tanzmusik, kuenstlerischen Darbietungen, "Miss Loy
Krathong"-Wahlen und Feuerwerk verbunden sind. Hier begnuegen sich die auslaendischen Gaeste mit den hoteleigenen Swimming-Pools, um ihre Schiffchen zu
Wasser zu lassen. In der Touristen- Metropole Pattaya gehoert inzwischen ein
farbenpraechtiger Umzug mit traditionellen Kostuemen zum Festprogramm, der am
Rathaus beginnt und quer durch die Stadt bis zur Strandpromenade fuehrt. Zu
vorgerueckter Stunde empfiehlt sich ein Besuch in der Tempelanlage von Wat Chai
Mongkol, die an diesem Tag mit einem betriebsamen Jahrmarkt aus zahlreiche
Imbissbuden und Verkaufsstaenden umgeben ist. Hier werden unter anderem Fische
und Schildkroeten angeboten, die von den Glaeubigen gegen ein geringes Entgeld
"als gute Tat" in den tempeleigenen Teich entlassen werden. Aber auch zum Meer
pilgern die Menschen in Scharen, denn hier haben die "Krathongs" schliesslich
die beste Chance, möglichst weit in die Ferne hinauszutreiben.
Jeder hofft, dass
sein schwimmendes Licht am laengsten brennt und sichtbar bleibt. Deshalb folgen Daranees und Galayahs Augen solange wie moeglich aufmerksam den auf dem
glitzernden Wasser tanzenden Gestecken. "Je laenger sich unsere Krathongs über
Wasser halten, desto besser ist es!", erklaeren die beiden Freundinnen. "Wenn sie
mit der noch brennenden Kerze ausser Sichtweite geraten, koennen wir ganz sicher
sein, dass alle Wuensche in Erfuellung gehen und das naechste Jahr Glueck bringen
wird". So mancher "Krathong" nimmt aber nicht nur durch unguenstige Wellen oder Windboeen ein vorzeitiges Ende. Vielerorts machen Wassergeister - allerdings der
recht lebendigen Art - Jagd auf die schwimmenden Opferschalen: Kinder, die ein
abendliches Bad vortaeuschen, paddeln mit gezielten Handgriffen zwischen den "Krathongs"
herum, bringen dadurch leider auch etliche Schiffchen zum Kentern. Mangels
besserer Unterbringungsmoeglichkeiten stecken sie sich die dabei erbeuteten
Muenzen einfach in den Mund.
Andere wiederum wollen angeblich helfen, die Schiffchen in tieferes Wasser zu
befoerdern und pluendern sie unauffaellig aus, waehrend sie sie vor sich hertreiben.
Auf diese Weise können die Balgen sogar doppelt verdienen, - denn bei der
Rueckkehr an das Ufer lassen sie sich für ihre vermeintlichen Dienste sogar noch
mit ein paar Baht bezahlen. So richtig wuetend scheint über das Treiben der
Kinder erstaunlicherweise niemand. Denn die Glaeubigen sind zufrieden, mit ihrer
Spende - egal ob fuer die kleinen Wassergeister des Diesseits oder des Jenseits -
eine Wohltat vollbracht zu haben, die Ihnen bei der nächsten Gelegenheit
sicherlich entsprechend honoriert werden wird.